Von Kampf, Glaube und inneren Kämpfen

„…lerne zu kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen…“

In mehr oder weniger jeder Kampfsportart – und in ausnahmslos jeder Kampfkunst – ist dieser Grundsatz verankert. Kinder mit schwieriger Vergangenheit, mit Gewaltpotential, lernen Kampfkünste, um ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen… Kampfkunst ist etwas friedfertiges.
Erst Recht sollte dieses natürlich ein Meister seiner Kunst verinnerlicht wissen… geschweige ein Mensch, der seine eigene Stil-Richtung ins Leben ruft…

 

Wenn nun ein solcher Mensch von diesem Pfad abweicht, mehrfach verschiedene Menschen zumindest mit Worten bedroht, dann weckt das natürlich mein Interesse und versuche zu verstehen, wo die Auslöser liegen. Der erste – potentiell plausible – Grund lautet in solchen Momenten immer: „eine Frau“ – und treffe damit schon so ziemlich ins Schwarze, selbst wenn in dem Falle gleich mehrere in Frage kämen… aber egal, manchmal geht Quantität eben vor Qualität und oft sieht man auch das Wildgehege vor lauter Kätzchen nicht.
Und natürlich kommt es, wie es kommen muss: werden es zu viele Baustellen, verliert man die Übersicht und kommt früher oder später mit seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr hinterher, geschweige dass noch Ressourcen übrig wären, andere wahrzunehmen (die Wahrnehmungen), wenn die Durchblutung einfach gerade woanders benötigt wird. Hier müssen Strukturen her, muss ein Netzwerk her! Fokus-Verlust bedeutet Wahrnehmungsverlust und der Kater bekommt einen Selbigen… oder wird zum sprichwörtlichen Elefant im Porzellanladen.
Nun ist es aber so, dass Elefanten zwar sehr stark sind, einen langen Rüssel haben und ihn auch einzusetzen wissen… aber mit ihren vier Tonnen Hintern einfach im Porzellanladen nicht gut aufgehoben sind… und vom Klirren der Scherben aufgeschreckt gerade aus durchs Schaufenster gehen.
An dieser Stelle kennt er weder Freund noch Feind und – da Freunde ja bekanntermaßen keinen Schaden anrichten und man sich vor Feinden schützen muss – wird stumpf erst einmal alles angegriffen, das wie Feind aussehen könnte… außerdem: so ein paar echte Freunde fallen zur Not Kollateralschaden.
(Solltet Ihr einen entlaufenen Kater mit langem Rüssel sehen: bitte informiert den Tierschutz, die Polizei, oder tragt Euren Arzt zum Apotheker)

 

Spätestens an diesem Punkt habt Ihr entweder den Anschluss verloren, oder amüsiert Euch köstlich – von daher schreibe ich nun für die Menschen ohne Anschluss weiter:
Aber wie geht man eigentlich mit solchen Situationen um? Da ist ein Mensch, der im höchsten Maße verzweifel ist… Verzweiflung macht blind, wie auch die Liebe blind macht – und Verzweiflung aus Liebe ist vielleicht die schlimmste Form der Verzweiflung.
Es ist klar: dieser Mensch hasst gar nicht seine vermeintlichen Feinde, er hasst auch nicht die Frau, die er selbst verlassen hat… und nicht einmal die jenen, die ihn verpfiffen haben, als er in den Armen anderer auf blühte … der größte Hass ist immer gegen sich selbst gerichtet.
Und hier wird dieser Mann austauschbar (und ich bekomme endlich die Kurve zu meinem Thema), ein Platzhalter für jegliche Form von Hass… sei es die braune Nazibrut, die im Moment mal die Flüchtlinge im Visier hat, sei es der andersgläubige, der keinen Ausweg sieht, als zur Kalaschnikow greift, oder eben der sich selbst gehörnt hat.
Die Philosophie findet da den selben Ansatz, wie die Kirche: Hass kannst Du nur mit Liebe begegnen. Aber wie soll das in der Praxis funktionieren? Soll ich mich wirklich in Nächstenliebe verprügeln lassen und Wochen im Spital verbringen, nur um über den Dingen gestanden zu haben? Oder sollte ich im Falle des Angriffs den Aggressor vernichten?
Die Frage ist: kann ich damit leben, einen Menschen zu vernichten, der mir eigentlich nichts getan hat, außer dass ich zufällig in seinen Fokus gerate, zufällig vor dem Schaufenster stehe und vom panischen Elefanten überrannt werde?
Leider glaube ich nicht an einen Gott, der mir den Weg zeigen könnte – dennoch kann ich christlich handeln und ihm meine Hand reichen, hoffen, dass er das Signal versteht und vielleicht mal in sich hört, ob nicht vielleicht gerade er auf dem Holzwege ist… auch bin ich nicht Philosoph genug, einen Schierlingsbecher zu trinken, der nicht meiner ist – dennoch könnte ich ihn leeren, dass niemand seiner Wirkung Wege gehen muss.
Der wohl wichtigste Schritt hierzu ist die Erkenntnis.
Es heißt zu erkennen, wo das Problem ist… vielleicht eine systemische Aufstellung und Beleuchtung der verschiedenen Perspektiven, vielleicht auch einfach Gespräche… und wieder und wieder die Hand reichen.
Aber auch hier macht die Realität oft einen Strich durch die Rechnung: der Gehörnte wird in der Regel gar nicht zuhören oder lesen, was man zu sagen hat und wird alleine vom Absender urteilen…
..und da bleibt eigentlich nur die Geduld. Man sagt „die Zeit heilt Wunden“ – und es ist tatsächlich so… dem Aggressor kann man eigentlich nur mit Geduld begegnen – Geduld, Güte und Vergebung – und an der Stelle kann ich auch als Atheist eigentlich nur sagen:
Amen.

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